Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Die Dreigliederung des sozialen Organismus, oder: wie lernen wir friedlich zusammen zu leben

 

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Wie lernen wir zusammen zu leben, so, das konstruktive Entwicklung, also Frieden möglich bleibt und wird - wir also nicht unvermeidlich in großem Stil einer total destruktiven Situation entgegen schlittern, wie man das derzeit immer mehr fürchten muss - was brauchen wir als einzelne Menschen dafür, dass wir friedlich beziehungsfähig bleiben und immer wieder werden - und wie kann das wachsen? Am Besten bis in die größten gesellschaftlichen Verhältnisse hinein.....

Wir leben hier bei uns in einer merkwürdig schillernden, verwirrenden Zeit: wir haben irgendwie viel Freiheit und zugleich sieht es so aus, also ob wir diese Freiheit nicht wirklich nutzen. Ich will es etwas deutlicher ausdrücken: überall da, wo Freiheit, im Sinne von Freiraum, nicht aktiv individuell innerlich gefüllt wird, füllt sich dieser Freiraum mit geistigem Unfug oder zumindest mit Nichtigkeiten!

Wir produzieren und „brauchen“, sei es physisch, sei es virtuell, seit Jahrzehnten in wachsendem Maße Produkte, die bei näherem Hinsehen kaum jemandem wirklich etwas nützen oder auch auf Dauer richtig schädlich sind, wie z.B. eine industrielle Landwirtschaft.

Deshalb brauchen wir aktives geistiges Kulturleben. Und das beginnt in den kleinsten Verhältnissen. Bei uns selbst. Wir sind es, die sich entwickeln können. Wir brauchen nicht auf andere zu warten. Wenn wir das aber von anderen fordern, ist das zumindest übergriffig. Aber wir können uns helfen - gegenseitig - wenn wir es wollen und wenn wir uns frei lassen. Wie geht das? Frei lassen? Können wir miteinander ringen und zugleich frei lassen? Uns als Menschen gegenseitig sehen, anerkennen, egal wie wir sind, auch wenn es richtig schwierig wird? Können wir die inneren Impulse anderer Menschen lernen wahrzunehmen, ernst nehmen und gar fördern?

Da beginnt echtes freies geistiges Kulturleben. Nicht theoretisch, so wesentlich theoretische Betrachtungen auch sein können, sondern sozial praktisch. Aber ohne den spürbaren, anwesenden Geist, präsent durch das aktive Ich des Menschen, geht es nicht. Und wenn er nicht spürbar ist, so werden wir durch diesen Nullpunkt hindurch gehen müssen. Das ist jetzt fast in der ganzen Zivilisation so. Deshalb scheint jetzt alles so enorm schwierig zu werden, damit wir lernen können das Geistige im individuellen Menschenwesen mit dem umfassenden Geist des Kosmos, der alles verbinden und durchdringen kann, erfahrbar zu machen, zu verbinden. Kurz: das tragfähige Gemeinschaft entstehen kann, denn wir leben auch „von oben her“. Wir brauchen etwas, was unsere Seele wirklich trägt.

Dazu sind weitere Gestaltungen in den irdisch sozialen Verhältnissen notwendig. Diese Gestaltungen brauchen die freie individuelle geistig kulturelle Tätigkeit, aber diese Gestaltungen aus dem freien Geist heraus machen freies Kulturleben in großem Stil auch erst möglich. Es sind drei Sphären, die wir lernen müssen frei und menschlich zu gestalten. Bekannt sind sie seit der französischen Revolution unter den Begriffen Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Diese Dreigliederung des sozialen Organismus harrt sei etwa 100 Jahren ihrer Realisierung. Sie kann Entwicklungs-Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens sein oder besser einer Sozialgestalt die sich immer weiter gestalten lässt, bevor die Verhältnisse ins Destruktive abrutschen, man immer wieder nach furchtbaren meist kriegerischen Ereignissen von Null anfangen muss oder nichts mehr übrig bleibt.

Aber sie kann auch in jedem Augenblick und an jedem Ort von jedem Menschen schrittweise in Angriff genommen werden. Sie beginnt beim einzelnen Menschen und kleinen Menschengruppen, wo wir anfangen zu verstehen, was eigenständiges geistiges Kulturleben sein kann und wo gegenseitige geistige Empfänglichkeit real wird. Darin liegt soziale Zukunft. Auch in kleinen Verhältnissen lohnt es sich zu lernen, was betrifft in unserem zusammen leben die Rechtssphäre, was die Wirtschaftssphäre, was sind individuelle geistige Fragen, Fragen der persönlichen Fähigkeiten. Die Gefahr ist groß auch in kleinsten Verhältnissen aus Unkenntnis in gegenseitige Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zu geraten. Dazu müssen die sozialen Urgesten gefunden werden, um sie mit der irdisch-sozialen Realität vergleichen zu können. Es geht nicht nur darum anzuerkennen was ist, was für sich notwendig ist, sondern auch um konkrete aktive soziale Gestaltung. Gemeint ist damit nicht "pragmatisches Sozialgebastel", um "den nächsten Tage zu überleben", sondern bei aller sozialen Gestaltung die volle Orientierung an wirklicher Urgesten, Urgedanken zu suchen. Das ist richtige geistige Arbeit und "fällt durchaus nicht vom Himmel", so sehr dieser daran beteiligt ist.

Aus der Realität eines eigenständigen individuellen Kulturlebens kann letztlich auch ein staatliches Rechtsleben gestaltet werden, dass sich ganz auf seine Aufgaben beschränkt und „nur“ das Zusammenleben der Menschen demokratisch finden und regeln lernt und sich nicht mit rein wirtschaftlichen Interessen verbündet, das die Menschenwürde nicht zu achten im Stande ist. Damit kann ein Wirtschaftsleben gestaltet werden, das den Bedürfnissen der Menschen dient und nicht umgekehrt, der Mensch von Wirtschaftskräften geknechtet wird, wie das immer deutlicher spürbar wird. Rechtsleben und Wirtschaftsleben brauchen für ihre fortlaufende Erneuerung und menschliche Gestaltung ein vollständig freies geistiges Kultur- und Bildungswesen, weil nur so die inneren Impulse der freien Menschen gesellschaftlich tragfähig zur Geltung kommen können.

Im Großen sicherlich ein weiter Weg und das Vertrauen in ein freies Kultur- und Bildungswesen muss erst noch wachsen. Aber ein solcher Weg entsteht aus einzelnen gewollten Schritten. Geduldig. Friedlich und deshalb wirkungsvoll.

Alle weitere Entwicklung scheint vom Verstehen und Ergreifen der inneren Freiheit eines jeden einzelnen Menschen in seinem eigenen Inneren abhängig zu sein!

Uwe Kienitz

 

Grundlegendes hierzu in: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Rudolf Steiner

Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner

Der Nationalökonomische Kurs, Rudolf Steiner